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Dunkelgraf und Dunkelgräfin
... und wie es zu diesem Namen kam ....
Etwas versteckt zwischen zwei Säulen am Portikus der stattlichen Ingelfinger Schloßapotheke ist eine Bronzetafel angebracht, auf der aufmerksame Passanten darüber informiert werden, daß hier Prinzessin Marie Therese Charlotte, die Tochter König Ludwigs XVI. Von Frankreich und seiner Gemahlin Marie Antoinette 1803 - 1804 als "Dunkelgräfin" gewohnt haben soll.
Das klingt recht mysteriös. Warum Dunkelgräfin? Wieso kam sie nach Ingelfingen? Was sollte sie in dem kleinen hohenlohischen Residenzstädtchen? - Fragen über Fragen!

An einem Herbsttag des Jahres 1803 fuhr bei nacht eine komfortable Reisekutsche vor der Apotheke vor. Ihr entstieg eine tief verschleierte, vornehme junge Dame, betreut von einem Kavalier, der sie sogleich über die breite Sandsteintreppe zum Portal geleitete. Ein Diener entlud zahlreiche Gepäckstücke und schleppte sie nacheinander in das Haus. Bereits einige Tage zuvor waren für die Fremden einige Zimmer im ersten Stock gemietet worden.
Das geheimnisvolle Paar lebte sehr zurückgezogen. Zu keinem Menschen im Städtchen wurde persönlicher Kontakt aufgenommen, auch nicht zu dem Hausherrn, dem Hofapotheker Johann Jakob Rampold und seiner Frau. Einzige Ausnahme war das etwa vierjährige Apothekers-Söhnchen Friedrich Ludwig.
Die Ingelfinger Bürger rätselten, tuschelten und disputierten eifrig über das vornehme Paar, das nicht verheiratet zu sein schien. Sie vermuteten, das Fürst Friedrich Ludwig, der damals nicht nur in Ingelfingen, sondern auch im Reich und in Preußen eine bedeutende Rolle spielte, seine Hand irgendwie im Spiel hatte. Von dem Diener, von dem Apotheker und von den Bediensteten des fürstlichen Hofes war kein Wort über Herkunft und Identität der fremden Herrschaft herauszubekommen. Man erfuhr nur, daß der Herr sich Vavel de Versay nannte und daß der Dienert Squarre hieß. Über die Dame wurde nichts, weder Name noch Herkunft noch Art ihrer Beziehung zu ihrem Begleiter bekannt. Auf den ersten Blick erkannte man die vornehme Herkunft der beiden Fremden. Auch machte man die Beobachtung, daß die Dame die im Rang höhere war, denn sie wurde von ihrem Beschützer mit auffallender Courtoisie umgeben. Dem Geheimen Hofrat Kraus gegenüber, mit dem amtlichen Kontakte ab und zu unumgänglich waren, bewies der Kavalier umfassendes Wissen auf politischem Gebiet. Auch über aktuelle Ereignisse war er bestens unterrichtet. Das nahm Kraus, der früher hohenlohischer Geschäftssekretär am Wiener Hof gewesen war, nicht weiter wunder, denn er wußte, daß der Unbekannte häufig Briefe aus dem In- und Ausland empfing, sowohl auf dem Postweg, als auch durch Kuriere. Auf Grund dieser spärlichen Informationen nannten die Ingelfinger den Kavalier "Pfaffel" und die Dame die "Dunkelgräfin".
Wenn die Dame das Haus verließt, geschah dies stets durch den hinteren Ausgang zum Grabenweg, nie durch das Hauptportal zur Schloßstraße. Obwohl sie immer einen schützenden Schleier trug, suchte sie sich lästigen und neugierigen Blicken zu entziehen. Zumeist war sie von ihrem Kavalier oder aber von dem Diener begleitet. Blieb Vavel zu Hause, überwachte er sie vom Wohnungsfenster aus mit dem Fernrohr. Oft spazierte sie durch den nahen Schloßgarten zum Irrwäldle und zum Kocher. Stundenlang konnte sie auf einer Bank am Fluß sitzen und träumerisch-versonnen dem Wellenspiel zuschauen. Welche Gedanken mochten sie in dieser Stille und Abgeschiedenheit bewogen haben?
Doch trotz aller Vorsicht wurde sie einmal von einem Knaben unverschleiert gesehen und als diesem wenig später mehrere Portäts französischer Damen in die Hände kamen, rief er angesichts der Abbildung der 17-jährigen Königstochter Marie Therese Charlotte spontan aus: "Das ist ja meine Gräfin Vavel!"
Beobachtungen der Magd Jungior Vötsch aus Ingelfingen weisen in dieselbe Richtung: Diese hatte zwar die Herrin nie zu Gesicht bekommen, entdeckte aber, daß auf deren Wäschestücke drei Lilien, also das Bourbonische Wappen, eingestickt waren. Ein Schmuckkästchen war ein gleicher Weise gezeichnet. Ferner erzählte die Magd, daß die vornehme Dame sehr oft geweint hat, wenn sie allein war.
Ebenso unerwartet, wie das mysteriöse paar in Ingelfingen angekommen war, ist es im März 1804 über Nacht abgereist und verschwunden. Später tauchte es in Hildburghausen auf und fand schließlich in dem Schloß Eisleben Zuflucht und Geborgenheit auf Lebenszeit.
Zahlreiche Schriftsteller und Forscher haben sich mit der geheimnisvollen Geschichte befaßt und Intrigen des europäischen Hochadels aufzuspüren versucht.
Die Kochertalkellerei hat mit ihrer "Dunkelgräfin" und dem "Dunkelgraf" eine neue Weinzüchtung kreiert, die sich im Glas als farbkräfitg, feinherb, trocken und leicht gerbstoffbetont darstellt, ein geheimnisvolles, edles und ebenso vornehmes Erzeugnis, wie seine Namens-Patin.