Startseite - Wein - Kasimirle
Kasimirle
Fast allen einigermaßen bedeutenden Gemeinden bzw. deren Einwohnern wurden in früheren Zeiten Spitznamen verpaßt. Die Ingelfinger erhielten den Namen "Kasimirlich".
Die Ingelfinger sind stolz auf ihren Spitznahmen. Davon zeugt das Urbild des Ingelfinger Weingärtners, der in der 1935 erbauten Festhalle aufgestellt wurde. Aber auch im Rathaus steht eine Büste von ihm im Amtszimmer des Bürgermeisters. Als Vorbild diente dem Künsler der Ingelfinger Weingärtner Gottlieb Dörr, der einst in dem Weingärtnerhäuschen beim Torwächterhaus in der Alten Schlossgasse wohnte.
[...] Als Erklärung, wie die Ingelfinger zu ihrem Spitznamen gekommen sind, waren zwei grundverschiedene Lesarten gängig - beide sind jedoch nicht haltbar. Die eine besagt, Graf Ludwig Casimir (1517 - 1568), der in Hohenlohe die Reformation eingeführt, das Schulwesen aufgebaut und viel für die Armenfürsorge geleistet hat, sei in dem Städtchen so beliebt gewesen, dass die meisten Familienväter ihre ältesten Söhne dem Grafen zu Ehren Kasimir taufen ließen. Schließlich habe es in Ingelfingen so viele Bürger namens Kasimir gegeben, dass man der Einfachheit halber alle Ingelfinger so nannte. Nachforschungen in Taufbüchern konnten dies jedoch nicht bestätigen, allerdings war der Graf einige Mal als Taufpate genannt.
Die zweite Lesart ging vn dem "ius primae noctis" aus, dem Recht der ersten Nacht, das dem Souverän bei Landeskindern zustand. Es hiess, der Landesherr habe sich selbst sehr aktiv und erfolgreich um die Vermehrung der Bevölkerung seines Ländchens bemüht, so dass aus den Fenstern der hiesigen Bürgerhäusern zahlreiche Kasimirle herausschauten. Aber auch für diese Erklärung gibt es keinerlei Anhaltspunkte.
Der führere Kreisarchivar Rainer Groß stellte hingegen eigene Nachforschungen an und die gehen so: In seiner 17-jährigen Regierungszeit hat Ludwig Casimir Ordnungen, Gebote und Verbote erlassen, die alle Bereiche der Wirtschaft, den gesamten Alltag und das Sittenleben seiner Untertanen erfasste. Er hat die Regierung seines Teillandes neu organisiert, eine sorgfältige Rechnungsführung durch seine Beamten eingeführt und versucht, das gesamte Wirtschafts-, Rechts- und Kulturgeschehen zu überwachen und zu steuern. Ludwig Casimir besann sich seiner Rolle des Landesherrn und christlichen Landesvaters, der die Bürger zu gehorsamen, sparsamen, keuschen Untertanen zu erziehen versuchte. Seine Vorstellungen von einer "christlöblichen Bürgerschaft" in einem gesellschaftlich und moralisch geordnetem Land kollidierte teilweise mit der Wirklichkeit, der derben, aber gesunden Lebensfreude und Schlitzohrigkeit seiner Untertanen... Zusammenfassend kann festgestellt werden: Ludwig Casimir war eine der bedeutendsten Persönlichkeiten des Hauses Hohenlohe. Er war ein Renaissancemensch, der die Zeichen seiner Zeit erkannt und Hohenlohe den Weg vom Mittelalter in die frühe Neuzeit gewiesen hat. Einen Titel zu führen, der auf diese Persönlichkeit zurückgeht, ist ein Ehrentitel."
[...] Seit wann tragen die Ingelfinger nun diesen Spitznamen? Aus Erzählungen älterer Mitbürger ist bekannt, dass er mindestens seit 1875 durchaus geläufig war. In schriftlichen Quellen des 17. und 19. Jahrhunderts finden sich allerdings keine Quellen. Erst aus der Zeit nach 1900 sind einige humoristische Texte bekannt, in denen die Ingelfingern Kasmirlich genannt wurden. Besonders interessant und aufschlussreich ist ein Weingruß, den die Weingärtnergesellschaft in Ingelfingen im Jahr 1906 anlässlich der Hundertjahrfeier des Konigreichs Württemberg nach Stuttgart sandte:
"Noch heut ist es männiglich bekannt im ganzen Kochertale,
was einst dem Grafen Casimir passiert beim Abendmahle.
Da, als er trank vom heil'gen Kelch, rief er enttäuscht betroffen
des heil'gen Orts vergessend: Brrr, der ist von Crispenhofen!
Wir Ingelfinger heißen nun seit damals Ksimirlich.
Was schad's? Ist unser Wein nur gut, der Nam' ist nicht benierlich."
Dass dieser Spitzname auf den Grafen Ludwig Casimir zurückgeht, ist also absolut sicher und ehrt die Ingelfinger. Offen ist aber, ob ein besonderes Ereignis den Ausschlag gab. Zu dieser Detailfrage von Reiner Groß: "Für mich ist der Ursprung des Ingelfinger Ehrentitels das zweite Geheimnis des Kocherstädtchens, neben der Dunkelgräfin - und so sollte es auch bleiben."
Text nach
Heinrich Ehrmann, Ingelfingen
was einst dem Grafen Casimir passiert beim Abendmahle.
Da, als er trank vom heil'gen Kelch, rief er enttäuscht betroffen
des heil'gen Orts vergessend: Brrr, der ist von Crispenhofen!
Wir Ingelfinger heißen nun seit damals Ksimirlich.
Was schad's? Ist unser Wein nur gut, der Nam' ist nicht benierlich."